Verhandlung

Sollkostenmodell im Einkauf: Aufbau, Nutzen und Grenzen

13. Mai 2026

Ein Sollkostenmodell ist eine begründete Schätzung der Kosten, die für ein Produkt oder eine Dienstleistung unter definierten Annahmen entstehen sollten. Der Einkauf erhält damit keine Kopie der Lieferantenkalkulation. Er erhält eine eigene Sicht auf Kostentreiber, Mengen, Zeiten, Zuschläge und Margen – und damit eine Grundlage für konkrete Fragen.

„Das ist unser bester Preis“ beendet die Diskussion nur, solange beide Seiten ausschließlich über die Gesamtsumme sprechen. Ein belastbares Sollkostenmodell verlagert das Gespräch auf die Annahmen hinter dieser Summe.

Aufbau eines Sollkostenmodells

Das Modell muss zur eingekauften Leistung passen. Bei einem gefertigten Produkt können folgende Bestandteile relevant sein:

  • Materialart, Einsatzmenge, Ausschuss und Marktpreis,
  • Maschinen-, Rüst- und Arbeitszeit,
  • Werkzeug- und Investitionskosten,
  • Gemeinkosten und deren Verteilung,
  • Verpackung, Logistik und Bestände,
  • Risikoaufschläge und angemessene Marge.

Bei Dienstleistungen stehen eher Rollen, Stundensätze, produktive Auslastung, Führungsaufwand, Werkzeuge, Risiko und erwartete Ergebnisqualität im Mittelpunkt. Ein Standardschema passt deshalb selten unverändert. Die Struktur sollte den tatsächlichen Aufwand der eingekauften Leistung abbilden.

Ein einfaches Beispiel

Ein Lieferant bietet ein Metallteil für 12,40 Euro an. Der Einkauf modelliert 5,20 Euro Material, 2,10 Euro Maschinen- und Arbeitszeit, 0,80 Euro für Ausschuss und Rüsten, 1,30 Euro Gemeinkosten sowie 0,60 Euro für Verpackung und Logistik. Auf die daraus entstehenden 10,00 Euro wird eine Marge von 8 Prozent gerechnet. Das Modell ergibt 10,80 Euro.

Aus der Differenz folgt noch kein richtiger Preis. Sie macht aber die offenen Fragen sichtbar: Ist der Materialeinsatz höher? Wurde eine geringere Auslastung angenommen? Enthält der Preis kundenspezifische Investitionen oder ein Risiko, das im Modell fehlt? Damit hat der Einkauf einen konkreten Ansatzpunkt für das Gespräch.

Welche Daten benötigt werden?

Geeignete Quellen sind Markt- und Rohstoffindizes, technische Zeichnungen, Stücklisten, Zeitstudien, historische Preise, Vergleichsangebote, Logistikdaten sowie Wissen aus Technik, Qualität und Produktion. Jede Annahme sollte mit Quelle, Bezugszeitraum und Unsicherheit dokumentiert werden.

Wo Daten nicht belastbar sind, arbeitet das Modell besser mit Bandbreiten als mit einer scheinbar exakten Zahl. Ein Korridor von 10,60 bis 11,20 Euro ist in einer Verhandlung glaubwürdiger als 10,83 Euro, wenn zentrale Annahmen nur geschätzt wurden.

Eine Open-Book-Kalkulation kann zusätzliche Daten liefern. Auch diese Zahlen müssen eingeordnet werden, denn Auswahl, Umlageschlüssel und Annahmen stammen weiterhin vom Lieferanten.

Sollkostenmodell in der Lieferantenverhandlung

Im Gespräch dient das Modell vor allem dazu, gezielter zu fragen:

  • Welche Material- oder Aufwandsannahme liegt Ihrem Angebot zugrunde?
  • Wie verändert sich der Preis bei anderem Volumen?
  • Welche Kosten sind einmalig und welche laufend?
  • Welche Produktivität wurde berücksichtigt?
  • Wie werden Gemeinkosten auf dieses Produkt verteilt?
  • Welches konkrete Risiko ist in der Marge eingepreist?

Korrigiert der Lieferant eine Annahme und belegt sie nachvollziehbar, wird die Entscheidungsgrundlage besser. Schwieriger wird es, wenn die Gegenseite einzelne Annahmen bestreitet, aber keine eigene Kostenbrücke liefert oder immer wieder zur Gesamtsumme zurückkehrt.

Gerade bei einer Preiserhöhungsforderung des Lieferanten hilft das Sollkostenmodell, Rohstoff-, Lohn-, Energie-, Produktivitäts- und Mengeneffekte voneinander zu trennen. Im ersten Gespräch geht es dann nicht vorschnell um einen Gegenprozentsatz, sondern um die Belastbarkeit der Forderung.

Grenzen eines Sollkostenmodells

Der rechnerisch niedrigste Herstellungspreis ist nicht automatisch das beste Angebot. Qualität, Ausfallrisiko, Lieferzeit, Bestände, Service, Wechselkosten, Kapazität und technisches Know-how können einen höheren Preis wirtschaftlich rechtfertigen.

Außerdem bleibt jedes Modell von seinen Daten abhängig. Veraltete Indizes, falsche Mengenannahmen, unrealistische Produktivitätswerte oder pauschale Gemeinkostenzuschläge führen zu einer präzise wirkenden, aber schwachen Schlussfolgerung. Bei innovativen Leistungen, starkem Lieferanten-Know-how oder schwer vergleichbaren Dienstleistungen ist die Unsicherheit besonders hoch.

Das Modell gehört neben Marktvergleich, technischer Bewertung und Risikoanalyse in die Vorbereitung. Es trennt belastbare Daten von Annahmen und zeigt, an welchen Stellen noch eine Erklärung des Lieferanten fehlt.

Vom Modell zum belastbaren Gespräch

Die Tabelle bereitet die Argumentation vor. Im Gespräch wird der Lieferant möglicherweise Annahmen angreifen, Zeitdruck erzeugen oder immer wieder zur Gesamtsumme zurückkehren. Dieses Gespräch lässt sich im Preiserhöhungs-Szenario von Voice2Evolve vor dem echten Termin üben.

Das Wichtigste für den Einkauf

  • Bauen Sie das Modell passend zur konkreten Leistung auf.
  • Dokumentieren Sie Quellen, Bandbreiten und Unsicherheiten.
  • Nutzen Sie Sollkosten für konkrete Fragen, nicht als vermeintlichen Beweis.
  • Bewerten Sie neben dem Preis auch Qualität, Risiko und Gesamtkosten.
  • Trainieren Sie, die Kostenlogik auch unter Widerspruch ruhig zu vertreten.
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