Verhandlung

Wo das Harvard-Konzept an Grenzen stößt

21. Juni 2026

Das Harvard-Konzept empfiehlt, Menschen und Probleme getrennt zu behandeln, Interessen statt Positionen zu betrachten, Optionen zum beiderseitigen Vorteil zu entwickeln und objektive Kriterien zu nutzen. Diese Prinzipien verbessern viele Verhandlungen.

Sie garantieren jedoch keine kooperative Gegenseite. Der Einkauf muss erkennen, wann Interessenarbeit allein nicht ausreicht und klare Grenzen, Alternativen oder vertragliche Rechte stärker in den Vordergrund gehören.

Wenn der Verteilungskonflikt bestehen bleibt

Nicht jeder Konflikt lässt sich durch eine kreative Option auflösen. Manchmal wollen beide Seiten denselben begrenzten wirtschaftlichen Wert: Der Lieferant strebt eine höhere Marge an, der Einkauf einen niedrigeren Gesamtpreis.

Interessen zu verstehen bleibt hilfreich. Es zeigt mögliche Tauschgrößen wie Laufzeit, Menge oder Risiko. Wenn keine davon zusätzlichen Wert schafft, muss der verbleibende Verteilungskonflikt dennoch verhandelt werden.

Wenn Kriterien umstritten sind

Marktindizes, Vergleichspreise und Sollkosten wirken objektiv, beruhen aber auf Auswahl und Methodik. Prüfen Sie:

  • Zeitraum und Datenquelle,
  • Vergleichsgruppe und Leistungsumfang,
  • Gewichtung einzelner Kostenfaktoren,
  • regionale und mengenbezogene Unterschiede,
  • ausgelassene Gegenentwicklungen.

Ein Kriterium wird nicht allein dadurch neutral, dass es als Zahl vorliegt. Beide Seiten müssen nachvollziehen können, wie es entstanden ist und wofür es gilt.

Wenn Macht stark ungleich verteilt ist

Bei Monopolen, hoher Wechselabhängigkeit oder akutem Zeitdruck kann eine Seite wenig Interesse an gemeinsamer Optimierung haben. Dann braucht der Einkauf zusätzlich:

  • eine klare Akzeptanzgrenze,
  • belastbare Alternativen oder Übergangslösungen,
  • dokumentierte vertragliche Rechte,
  • abgestimmte Eskalationswege,
  • Maßnahmen zum langfristigen Abbau der Abhängigkeit.

Sachbezogenes Verhandeln bleibt sinnvoll. Es darf aber nicht mit einseitigem Entgegenkommen verwechselt werden.

Wenn die Gegenseite Informationen zurückhält

Gemeinsame Lösungsfindung benötigt ein Mindestmaß an verlässlichen Informationen. Verweigert eine Seite relevante Daten oder nutzt Offenheit ausschließlich zu ihrem Vorteil, sollte der Einkauf schrittweise vorgehen: Informationen nur zweckgebunden teilen, Annahmen überprüfen und Zusagen an Nachweise knüpfen.

Das Konzept ergänzen, nicht verwerfen

Die zentrale Aufgabe lautet nicht, zwischen „kooperativ“ und „hart“ zu wählen. Gute Verhandlungsführung verbindet Interessenklärung mit klaren Grenzen und einer realistischen Machtanalyse.

Mit Voice2Evolve können Einkaufsteams unterschiedliche Verhandlungslagen üben und erkennen, wann offene Lösungsentwicklung trägt und wann sie durch stärkere Absicherung ergänzt werden muss.

Das Wichtigste für den Einkauf

  • Interessenarbeit beseitigt nicht jeden Verteilungskonflikt.
  • Prüfen Sie Methodik und Auswahl vermeintlich objektiver Kriterien.
  • Ergänzen Sie Kooperation bei ungleicher Macht durch Grenzen, Alternativen und Rechte.
  • Teilen Sie Informationen schrittweise, wenn Gegenseitigkeit nicht gesichert ist.

Den Moment trainieren, nicht die Theorie.

Voice2Evolve versetzt dich immer wieder in die Situation, bis die eigene Reaktion unter Druck keine Panik mehr ist.